Ski Press World Inc. - Index

Ski Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 4 | AUG / SEPT 2008 - Index

62 | REPORT /// SKI-WM 2011
Text und Foto: Sebastian Schulke
GROSSE LASTEN UND GOLDENE
ZEITEN – FÜR FELIX NEUREUTHER
Bagger und Lastwagen wühlen auf der Kandahar-Strecke durch Erde und Gestein, lassen
die Motoren aufheulen. Ganz Garmisch-Partenkirchen packt das WM-Fieber – die
Vorbereitungen für die alpine Ski-WM 2011 laufen auf Hochtouren. Das zeigt sich besonders
an den Bauarbeiten an der Kandahar-Strecke.
In einer Gondel der Kreuzeckbahn steht Felix Neureuther (24) und staunt. „Es ist schon
toll, was gerade in Garmisch passiert“, sagt das deutsche Slalom-Ass, das als große
Medaillenhoffnung ins Rennen geht. „Ich habe schon seit langem ein Kribbeln im Bauch“,
gesteht er. Als er oben aus der Gondel steigt und ins Tal blickt, funkeln seine Augen: „Ich
bin hier geboren, aufgewachsen und liebe diese Stadt und seine Berge. Eine Medaille wäre
für mich das Größte.“ Da rücken selbst die Olympischen Spiele in Vancouver 2010 in den
Hintergrund. Kurven, Sprünge und Steilhänge – eine österreichische Firma setzt Bagger und
Schaufeln in Bewegung, damit die Kandahar-Strecke den Anforderungen des Internationalen
Skiverbandes (FIS) gerecht wird. Denn für die Damen- und Herren-Konkurrenz müssen
weitgehend separate Kurse zur Verfügung stehen. Wettkämpfe, Training, Besichtigung und
Präparation können so unabhängig voneinander geplant und gestartet werden. So wird
der „Tröglhang“, der die Hauptverbindung vom Kreuzeck- zum Hausberg-Gebiet darstellt,
untertunnelt, um den Damen und Herren einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Die
Tunnel-Premiere läuft bei den Weltcup-Rennen im Januar 2009.
Es geht weiter: Im mittleren Abschnitt zwischen „Schussanger“ und „Bödele“ trennen
sich die Strecken der Damen- und Herrenabfahrt. Maria Riesch und Co. werden vorbei
am „Himmelreich“ auf der altbekannten Kandahar-Abfahrt um Bestzeiten kämpfen, Felix
Neureuther und Co. rasen knapp 100 Meter unterhalb in Richtung Tal. Die größten Umbauten
fi nden im unteren Bereich statt, zwischen „Eishang“ und Ziel. Dort entsteht ein komplett neuer
Abschnitt für die Herren: Die Rennpiste wird nach dem Seilbahnsprung in eine Schneise unter
der Kreuzeckbahn führen. Über die so genannte „Mauer“ springen die Rennläufer kurz vor
dem Ziel in den steilsten Teil (90 Prozent Gefälle) der Herrenabfahrt.
„Das wird sehr schnell“, so Neureuther mit Blick auf
Abfahrt, Super-G, Riesenslalom und Kombination
sowie den Team-Wettbewerb. Sein größtes Interesse
gilt allerdings dem Gudiberg. „Das ist mein Hausberg“,
sagt er. Dort wird für die Slalomrennen fl eißig aus- und
umgebaut: Drainagen werden verlegt, das Gelände
geglättet und der Startbereich verbreitert – bis zu vier
Millionen Euro werden so in den Gudiberg gesteckt.
Hohe Erwartungen werden in Felix gesteckt. Aber als
Sohn von Christian Neureuther und der goldigen Rosi ist
er das gewohnt. „Das ist eine große Last, wenn immer so
viele Augen auf einen gerichtet sind. Aber das ist nichts
Neues für mich“, meint Felix, „ich habe gelernt, damit
umzugehen. Ich gehe meinen Weg.“ Er hat vor allem
seit seinem Weltcup-Debüt 2003 im Riesenslalom von
Kranjska Gora langsam aber sicher gelernt, dass Talent
allein nicht reicht, um in der Weltspitze mitzufahren. Nach
den beiden Ausfällen im Slalom und Riesenslalom bei den
Olympischen Spielen 2006 in Turin war ihm klar: „Wenn
ich jetzt nicht gescheit trainiere, ende ich im Mittelmaß.“
Er trainierte und trainierte, sechs Stunden am Tag – Kraft,
Ausdauer und Koordination. Mit Erfolg: Im Februar 2007
tanzte nur Mario Matt (Österreich) am Gudiberg schneller
durch den Stangenwald als er. Und das war nicht sein
einziger Podestplatz. Zu einem Sieg reichte es noch nicht,
aber der dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.
„Momentan dreht sich bei mir alles ums Skifahren“, sagt
Felix und betont: „Meine Zeit als Skiläufer ist begrenzt. Ich
will und muss jetzt alles geben.“ Dann ist nicht nur 2011 in
Garmisch Edelmetall greifbar nahe.