Ski Press World Inc. - Index

Ski Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 4 | AUG / SEPT 2008 - Index

44 | BIKEN
Zum Kaffee empfi ehlt er Povesen. Die
einheimische Süßspeise wird warm und mit
Zwetschgenmarmelade gefüllt serviert. Die dünne
Kaiserin Sissi konnte an den „Armen Rittern“, wie die
in Ei herausgebackenen Brotscheiben auch heißen,
keinen Genuss fi nden. „Zu mächtig“ lagen sie ihr im
Magen, erzählt man sich.
Den Wolfgangsee bei hochsommerlichen
Temperaturen umstrampeln? Etwas Schöneres kann
einem überhitzten Biker kaum passieren. Gefallen
haben das Salzburger Land, und ganz besonders der
Wolfgangsee früher auch der jungen Kaiserin. Schon
im Juni hat der See ordentliche Badetemperaturen.
Nach einem heißen Biketag ist eine kurze Abkühlung
genau das richtige. Die Kulisse drumherum: Berge,
Kirchtürme, grüne Almwiesen, schattige Wälder
und noch mehr Berge. „Genau wie damals bei der
Sissi“, erzählt eine alte Verkäuferin am Kiosk des
Badestrandes. Am Strandbad reihen sich Fahrrad
an Fahrrad – Schlösser? Fehlanzeige. Am Ufer des
Wolfgangsees vertrauen sich die Einheimischen. Wir
kühlen uns kurz im Wasser ab und suchen unseren
Schlafplatz für die Nacht. Von außen macht das
Haus Weißenbach den Eindruck, als wären seine
besten Zeiten bereits vorüber. Doch der Schein trügt.
Das Essen zählt zum gelungensten der gesamten
Tour. Derbe aber duftend gute Käsespätzle für den
Vegetarier, ein Hirschragout mit Preiselbeeren für den
anderen. Zum Abschluss ein Erdbeersorbet, und wir
fallen in die Betten.
INFOS
ALMEN-TOUR /// Im Salzburger Dolomitenhof in Annaberg beginnt die sehr gut ausgeschilderte Biketour. Von
jedem Startpunkt aus wird der Gepäcktransport zum nächsten Ziel arrangiert. Das Paket „Almentour“ gibt’s´ ab
195 Euro mit Halbpension und Karte inklusive Tourenbeschreibung. Die GPS-Daten sind zwar abrufbar, die Tour ist
aber so gut ausgeschildert, dass man den Weg leicht fi ndet. In drei Tagen macht man insgesamt 147 Kilometer und
4.170 Höhenmeter. Die Fahrräder werden jeweils direkt in den Hotels untergebracht (ohne Bewachung).
Infos: www.almentour.com, Salzburger Land, Tel. +43/(0)662/66 88-44, www.bike.salzburgerland.com
REISEZEIT /// Im Mai muss auf der Tour trotz niedriger Lage mit Tragepassagen über Schneefelder
gerechnet werden. Die Almen sind dann nur zum Teil geöffnet. Ruhig ist der Juni. Tourenhauptsaison ist
von Juli bis Anfang September. Dpch selbst dann ist die Tour nicht überlaufen. Ein Farbenspektakel sind
die Monate September und Oktober.
ALMEN-EINKEHR /// Erste Etappe: Die Auerhütte oberhalb des Seewaldsees ist ein guter Mittagsstopp.
Herrlich, mit Blick auf das Tennengebirge, liegt die Bergalm (geöffnet 20. Mai bis Allerheiligen) – optimal
für den letzten Stopp vor dem ersten Etappenziel. Zweite Etappe: Uriger als die Bartlhütte kann man sich
eine Alm nicht vorstellen. Das Panorama mit Blick auf den Wolfgangsee und das Zwölferhorn verpfl ichtet
zum Besuch. Nach der langen und harten Auffahrt zum Zwölferhorn ist die Terrasse der Arnika-Alm der
beste Platz zum relaxen. Weitblick bis zum Hochkönig oder Wolfgangsee. Dritte Etappe: Heute wird viel
Strecke gemacht – erste Einkehrmöglichkeit nach der 14 Kilometer langen Auffahrtsrampe ist die Postalm.
Romantischer liegt allerdings die Edtalm kurz vor Ende der Tour.
SISSIS BLÜTENRAUSCH
14 Kilometer sind es bis zur Postalm, vorbei an
gurgelnden Bächen, Wasserfällen und gegen den
eigenen Schweinehund. Schweiß fl ießt reichlich auf
der asphaltierten Straße. Dann ist es endlich so weit:
An der Postalm weitet sich der Horizont. Dort, wo
einst Kaiserin Sissi von der Pfl anzenwelt und den
blühenden Almwiesen begeistert über die Wiesen
spazierte, steht nicht nur eine Kapelle für Kaiserin
Sissi, auch der Wolfgangsee ist tief unten im Tal zu
sehen – und das ist der eigentliche Höhepunkt der
Bergkulisse. Vorerst zumindest, denn dorthin, wo
Sissi niemals kam, werden wir nun hinradeln: ins
abgelegene Lienbachtal.
TRAUMATISCHE TROPEN
Wenn der Puls sich nach der langen Auffahrt,
vorbei an Postalm und Abtenauer Hütten, wieder
auf Normalniveau einpendelt, beginnt die Träumerei.
Im Lienbachtal öffnet sich das Tal wie ein mächtiger
tropischer Canyon. Weit und breit ist nichts von
Zivilisation zu hören und zu sehen. Von allen
Seiten sprudelt Wasser in diesen Taleinschnitt. Die
Vegetation dampft. Die feuchte Luft liegt träge im
Tal und simuliert tropische Faulheit. Wir strampeln
und schwitzen. Von Faulheit keine Spur. Zugegeben,
der Weg macht es einfach: leichtes Gefälle – stets
am Flussufer entlang. Das Grün der Pfl anzen
ist hier grüner als Grün, die Formen erinnern an
Farnbüsche im Regenwald. Üppig. Wer schon
mal im bolivianischen Amazonas-Tiefl and zu Gast
war, vermisst im grünen Lienbachtal nur noch die
kreischenden Scharen bunter Papageien. In den
Tropen fault alles dahin, das Lienbachtal aber bleibt,
wie es ist: ruhig und voll sprudelnder Wasserläufe.
Voll tiefer Schluchten mit Wasserfällen und Gumpen
mit tosenden Strudeln. Wir reiten weiter locker
abwärts. Ein Adler in den Baumwipfeln schreckt
auf, ergreift die Flucht. Im Flug schneidet er unseren
Weg und schießt über den Fluss ans andere Ufer.
Eines ist sicher: Die Salzburger Almentour ist für
jeden etwas, der wieder einmal etwas Neues
kennenlernen will. Für Tropenreisende hat diese
Erfahrung etwas Vertrautes, für den Mountainbike-
Franz aus dem Lammertal vielleicht auch.