Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 4 | AUG / SEPT 2008 - IndexText: Sebastian Schulke
PORTRAIT/// THOMAS & ANNIKA LURZ
PORTRÄT | 35
Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. Thomas und Annika Lurz sitzen in Korbsesseln, machen
es sich bequem. Thomas genießt die Sonne, Annika einen saftigen Apfel. Neben den beiden
ragen Palmen in die Höhe. In der Ferne rauscht das Meer – Hawaii lässt grüßen. Doch statt
Dschungel, Strand und Pazifik breiten sich ringsherum weiße Fliesen aus. Das endlose Meer
erstreckt sich in Form eines 50 Meter langen und 25 Meter breiten Schwimmbeckens.
Wasserfälle strömen aus metallenen Duschköpfen. Die Palmen wachsen aus Kübeln. Und
über ihren Köpfen erstrahlt kein endlos blauer Himmel sondern weißer Beton.
Und statt Aloha-Tänzerinnen in bunten Röcken springen hier Frauen und Männer in
schlichten Badeanzügen herum. Wenn sie aus dem Becken steigen und an Thomas und Annika
vorbeilaufen, winken sie kurz, lächeln oder rufen ihnen ein paar aufmunternde Worte zu. Die beiden
Schwimmstars des SV Würzburg 05 sind nicht nur bekannt, sondern auch sehr beliebt. „Wir sind
eine große Familie“, meint Thomas Lurz, „jeder kennt hier jeden. Da gibt es keinen Starkult.“ Daran
ändern auch die Olympischen Spiele in Peking nichts. Keine Gold-, Silber- oder Bronzemedaille
wird daran etwas ändern. „Würzburg ist und bleibt für uns ein Traum, besser geht es wirklich
nicht“, meint Thomas Lurz (28), sechsfacher Weltmeister (Langstrecke). Annika Lurz (28), doppelte
Staffel-Europameisterin sowie Vize-Weltmeisterin über 200 Meter Freistil, nickt. Den beiden gefällt
ihre ruhige und beschauliche Schwimmhalle mit angrenzender Fitnessworld, gelegen auf einem
der grünen Hügel von Würzburg, im Stadtteil Frauenland. Da sitzen sie und schwimmen sie. Auch
heute. Gut vier Wochen vor der Eröffnungsfeier am 8. August im „Nationalstadion Peking“ – dem
sogenannten „Vogelnest“ – läuft das Training auf Hochtouren. Wenn Annika dann im „Water Cube“,
dem Nationalen Chinesischen Schwimmzentrum, an den Start geht, zählt sie zu den Favoritinnen.
Gleiches gilt für Thomas, wenn er im Ruder- und Kanupark „Shunyi“ ins Wasser springt, um die
Fünf- und Zehn-Kilometer-Distanz auf der Ruderregattastrecke zu meistern. Doch noch befi nden
sich beide in Würzburg, sitzen am Beckenrand und stehen im Rampenlicht. Das gefällt
ihnen nicht sonderlich. Interview-Anfragen und Pressetermine häufen sich, füllen ihre
Trainingspausen. Die Fotografen und Journalisten bringen Rummel in ihr Leben,
doch das bringt Annika und Thomas nicht aus der Ruhe. Nur wenn das Thema
„Gold“ allzu oft durch die feuchte Luft in der Halle zieht, ziehen die beiden ihre
Augenbraun genervt hoch. „Seit Wochen reden wir nur über Peking und unser
kleines Familientreffen“, sagt Annika. „Das wird langsam echt anstrengend.“
Über Peking wollen wir aber eigentlich auch gar nicht reden. Was? Thomas
und Annika schauen, als ob ihnen gerade Pippi Langstrumpf vor der
Nase herumgesprungen wäre. Kurz darauf macht sich Erleichterung in
ihren Gesichtern breit. Wir wollen erfahren, wie das Leben der beiden
Spitzensportler ohne die Jagd nach Gold aussieht. Was bewegt sie? Was
planen sie? Woran glauben sie? „Peking ist schon das große Highlight für
Thomas und mich“, sagt Annika und betont: „Gerade für mich, da das
meine ersten und defi nitiv letzten Olympischen Spiele sein werden.
Und dafür werde ich alles geben. Trotzdem ist Schwimmen aber nicht
alles in meinem Leben. Ich brauche meine Freiheiten.“ Für Thomas sind es
bereits die zweiten Sommerspiele. In Athen lief es nicht so gut. „Auch
für mich wird Peking wohl die letzte Chance auf Gold sein“, sagt er
gelassen.