Ski Press World Inc. - Index

Ski Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 3 | JUNI / JULI 2008 - Index

Die Herausforderung Ultralauf hat längst Läufer weltweit infiziert. Ultra lang, ultra hart, ultra
aufregend – der Ultramarathon ist eine Laufveranstaltung über die Marathondistanz hinaus.
Meist Landschaftsläufe über mehrere Tage, an denen sich die Läufer Extremen stellen: von
der Länge über das Streckenprofil bis zu den Witterungsbedingungen. Was zählt, ist das
einzigartige Gefühl, mit sich und der Natur zu kämpfen und wenn möglich am Ende als Sieger
hervorzugehen. Ein Ultramarathon der Superlative ist der The North Face Ultra-Trail du
Mont-Blanc. Ein langer und ebenso harter wie faszinierender Weg der Selbsterfahrung, den
SportPresse im vergangenen Sommer begleitet hat. Zwei weitere Veranstaltungen dürfen
in der Liste der langen Klassiker auf keinen Fall fehlen: Der GORE-TEX™ TransRockies Run
und der The OMM Original Mountain Marathon. Wir haben den „Aussichtsreichen“ und den
„Orientierungslosen“ auf ihren Reiz hin untersucht.
ULTRA-TRAIL DU MONT-BLANC – ULTRA HART
Die Tour de Mont-Blanc zählt zu den landschaftlich beeindruckendsten und bekanntesten Wanderungen
der Alpen. 25.000 Hiker aus allen Ecken der Welt schnüren jedes Jahr die Stiefel, um sich
auf die hochalpine Runde zu machen. Sechs bis zehn Tage nehmen sie sich dafür in der Regel Zeit.
Auch der Ultra-Trail du Mont-Blanc orientiert sich an diesem Rundwanderungs-Klassiker. Mit einem
feinen Unterschied: Das Zeitlimit für die 9.000 Höhenmeter und 163 Kilometer liegt bei gerade mal
46 Stunden. Dennoch dauert es nach Beginn des Anmeldetermins jeweils nur wenige Stunden,
bis alle 2.300 Startplätze vergeben sind. Wer nicht zum Zuge kommt, hat noch die Chance, auf
einen der 1.500 Plätze für die „Kurzstrecke“ Courmayeur-Champex-Chamonix: 100 Kilometer und
5.100 Höhenmeter.
20 Kilometer nach dem Start, am Dorfplatz von St. Gervais, ist die Sonne gerade untergegangen.
Die ersten 1.000 Höhenmeter sind geschafft. Auf langen Tafeln beidseits der Straße ist ein üppiges
Büffet aufgebaut: Suppe, Sandwiches, Kuchen, Riegel, Bananen. 39.000 Energie- und Müsliriegel,
900 Kilogramm Pasta, 1.600 Kilogramm Käse, 8.000 Liter Suppe, 3.000 Liter Kaffee, 4.500 Liter
Energiedrinks und 20.000 Liter Mineralwasser stehen an 16 Verpfl egungsstationen bereit. Trotzdem
werden am Ende alle ausgezehrt sein. Kein Wunder: Der Energiebedarf für das Rennen liegt pro
Person bei 40.000 Kalorien. Die Bevölkerung aller Mont-Blanc-Gemeinden ist auf den Beinen, steht
Spalier, klatscht, feuert an. Nicola und ihre Mutter veranstalten mit Töpfen und Löffeln ein ohrenbetäubendes
Trommelkonzert. Die Läufer entschwinden in eine mondlose, feuchtkalte Bergnacht.
LAUFEN | 41
Bei Sonnenaufgang kämpft sich das Hauptfeld auf den
2.516 Meter hohen Col del la Seigne. Tom aus Ipswich
keucht, muss beißen. Für einen Augenblick hält er inne,
vergisst die schweren Oberschenkel. Die Gletschergipfel
leuchten erst zart rosa, dann kräftig orange. „Es ist
eine Ehre, in diesem Moment hier oben stehen zu dürfen“,
denkt er. Auch Jens aus Hagen hadert in diesem
Moment nicht mehr mit seinem rechten Arm, der seit
dem Sturz bei Kilometer acht weh tut. Noch hält er die
Schmerzen für eine Prellung. Zu Hause wird der Arzt
einen Bruch des Unterarmes diagnostizieren. Doch
jetzt schwärmt er: „So grausam das Streckenprofi l ist,
so herrlich ist die Berglandschaft.“ Vielleicht ist ja das
der Grund, weshalb er bis ins Ziel durchhält.
Grausam ist für die Hobbyläufer vor allem die zweite
Nacht. Der Anstieg zum Bovine bringt sie endgültig
ans Limit. Manche Läufer treten zur Seite und schlafen
auf der Stelle am Wegrand ein. Einige leiden unter
Halluzinationen. Jens aus Hagen sieht Brötchentüten
seines Bäckers am Boden liegen. Als er mit den
Stöcken danach pieksen will, entpuppen sie sich als
Steine. „Beängstigend, was Schlafmangel und Erschöpfung
mit einem anstellen“, meint er hinterher. Bis
ins Ziel nach Chamonix wird es nur rund die Hälfte der
Starter schaffen.
Der Italiener Marco Olmo ist dort längst angekommen.
Die Siegesfeier ist vorbei. Chamonix hat einen neuen
Berghelden. Er schlummert jetzt bequem in seinem Ho-
telbett. Das hat er sich verdient. Schließlich hat er für
die Mont-Blanc-Umrundung gerade mal 21 Stunden
und 31 Minuten gebraucht. Die starke Konkurrenz der
weltbesten Trailrunner aus Europa und den USA hat er
souveran abgehängt. Marco ist 59 Jahre alt.
INFO | Ultimativer Härtetest vor grandioser Bergkulisse,
limitierte Teilnehmerzahl. Termin: 29.–31. August 2008.
Distanz: 163 km, 9.000 Hm; zusätzlich kürzere Distanz:
Courmayeur-Champex-Chamonix: 100 km, 5.100 Hm.
www.ultratrailmb.com