Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 3 | JUNI / JULI 2008 - Index34 | PORTRÄT
betont Corinna. Bei einem Drei- oder Vier-Stunden-
Flug komme es nicht nur auf Kondition, Flugtechnik
und Material an. Ganz wichtig sei eine gute Nase fürs
Wetter. Meteorologie sollte kein Fremdwort sein. So
achtet die Münchnerin während ihrer Ausfl üge über
Berge und Täler auf jedes Blatt und jeden Vogel in
ihrem Flugbereich, beobachtet die Wolken und den
Wind, um nicht zu einem Spielball der luftigen Naturgewalten
zu werden. Außerdem geht es ja auch darum,
möglichst direkt, schnell und vor allem sicher die
vorgegebenen Wendepunkte und den Landepunkt zu
erreichen. Das gilt für Wettkämpfe genauso wie für
Privatausfl üge. „Drachenfl iegen ist kein gefährlicher
Sport, wenn man weiß, was man tut. Wenn man sich
nicht überfordert und dabei erkennt, wie fragil das Leben
ist“, meint Corinna. „Oben
über den Berggipfeln verspüre
ich die absolute Freiheit, wie
ein Vogel. Ich kann mit der
Luft spielen, schnell und langsam
fl iegen, kreisen und sogar
stehen. Es ist fantastisch,
wenn man ganz langsam an
den Wolken vorbei zieht und
sie berührt.“
So locker und leicht wie die
Wolken so schwer ist die Ausrüstung
von Corinna. 33 Kilo
wiegt allein der Drachen samt
Segel und Alu-Gestänge.
Dazu kommen nochmal 15
Kilo für Gurtzeug, Integralhelm
und Instrumente wie ein Variometer,
GPS und Funkgerät –
summa summarum: 48 Kilo im
Wert von 9.000 Euro. Dieses
Schwergewicht schleppt
Corinna Schwiegershausen,
die nur knapp sieben Kilo
mehr wiegt, von ihrer Wohnung
in München ins Auto und
von dort zum
Startplatz – an
die Rampe am
Rauschberg im
Chiemgau zum
Beispiel. „Das
ist eines meiner
liebsten Flugreviere“, sagt Corinna, die in der ganzen
Welt mit Drachen abhebt – in Südkorea, Japan, Aus-
tralien, den USA, Ungarn oder Mexiko. „Im Laufe der Zeit habe ich viele Freundschaften schließen
können. Und so brauche ich auch nicht mein ganzes Zeug mitschleppen. Ein Drache lässt sich
immer auftreiben, wenn ich in Rio, Seoul oder Orlando ein paar Tage fl iegen kann“, lächelt sie und
meint: „Bei den Reisen kommt mir mein Job sehr zur Hilfe.“ Denn: Corinna ist Stewardess. Vom
Drachenfl iegen allein kann nämlich auch eine dreifache Weltmeisterin nicht leben. Sponsoren und
Preisgelder sind nur schwer zu fi nden. Wenn es mal außer einem silbernen Pokal auch noch ein
paar Euros für die ersten drei Plätze gibt, reichen die noch nicht einmal für die Startgebühr. Bei einer
WM, die je nach Wind und Wetter über zwei Wochen gehen kann, kostet ein Startplatz zwischen
450 und 500 Euro. Dazu kommen noch Flug, Transport und Unterkunft sowie Essen und Trinken.
Meistens geht auch noch Kohle für einen Fahrer drauf, den man samt Auto mieten muss, um die
Ausrüstung jeden Morgen zum Startplatz bringen zu können. Später sammelt der Fahrer Flieger
und Drachen wieder ein. „Das kostet alles Geld, besonders die Flüge“, so Schwiegershausen. „Aber
als Stewardess schlagen die nicht mehr so zu Buche.“ Vor zwei Tagen war sie noch in Indien unterwegs
– allerdings ohne Drachen. Dort kaufte sie reichlich Ananas und Gewürze ein. „Wenn ich nicht
genügend Zeit zum Drachenfl iegen habe, steht Kultur oder Kulinarisches auf meinem Programm.
Ich bin mit fünf Kilo Gepäck rüber gefl ogen und mit 28 zurückgekommen. Ich koche sehr gerne und
viele meiner Freunde auch“, erklärt Corinna. „Da laufe ich dann immer auf die großen Märkte.“ In
Mexiko stehen Mangos, in Brasilien Avocados auf ihrem Einkaufszettel. In New York ziehen sie die
Kulturtempel magisch an. „Das Schöne ist, dass ich als Stewardess nicht nur einmal diese Länder
und Orte anfl iege. So kenne ich mittlerweile in Manhattan jedes Museum.“
In Bremen kennt sie sich auch bestens aus.
Dort erblickte Corinna Schwiegershausen vor
36 Jahren das Licht der Welt. Fünf Jahre später
steht das Mädchen mit den Sommersprossen
in einer Ballettschule an der Stange – ein
halbes Jahr lang. „Das machte keinen Spaß.
Ich wollte rumspringen und durch die Luft wirbeln“,
erzählt Corinna. Doch auch Reiten und
Judo entspricht nicht ganz ihren Vorstellungen.
Erst als ihre Eltern 1984 in den Sommerferien
wieder in die Rhön zum Wandern fahren, geht
sie das erste Mal in die Luft. Ihr Vater kennt
einen Piloten, der in seinem Segelfl ugzeug mit
Corinna eine halbe Stunde lang jede Menge
Loopings dreht. „Mit diesem Flug ging es los“,
sagt Corinna. Als ihr Vater vier Jahre später einen
Drachenfl ug-Kurs belegt, ist Corinna nicht
mehr zu halten. Mit 17 macht sie ihren ersten
Sprung. Sprung? „Dabei steigt man wie ein
normaler Drache in die Luft“, erklärt Schwiegershausen,
„aber man hängt an drei Seilen,
die von drei Leuten gehalten werden.“ Ein Jahr
später belegt sie einen richtigen Kurs und
erhält mit 19 Jahren den A-Flugschein. Fluglehrerin
für Drachenfl ieger wird sie auch noch.
Auf ein Studium für Kommunikationsdesign in
Darmstadt folgt eines der Kommunikationswissenschaften
in München. Da ist Corinna
den Alpen endlich ganz nah. „Die Hügel bei
uns im Norden sind sehr schön, aber nicht mit
den Bergen hier vergleichbar“, meint sie, „ich
musste einfach nach München.“
In Florida muss Corinna während der Drachenfl ug-WM 2006 dem Gitaristen von Deep Purple,
Steve Morse, erklären, dass sie nicht irgendein verrückter Fan ist, sondern Weltmeisterin im
Drachenfl iegen. Und das das Kamerateam nicht wegen ihm da ist, sondern wegen der „Königin
der Lüfte“. „Das war sehr komisch“, schmunzelt sie, „irgendwie hatten die WM- Veranstalter vergessen,
dem Rockstar zu sagen, dass sein Privatfl ugplatz als Landepunkt benötigt wird.“ Doch nicht