Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE No. 3 | JUNI / JULI 2008 - IndexBERGTOUR | 21
Es regnet leicht, am nächtlichen Himmel hängen dicke Wolken. Der Wetterbericht verkündet
Gemischtes. „Mag sein, dass es morgen besser aussieht“, sagt Bergführer Herbert. Für Gerlinde
Kaltenbrunner (die „Achttausender-Frau“) und ihren Mann Ralf Djumowitz ist der Dirndl-Grat keine
schwierige Tour, für gewöhnliche Bergsteiger schon.
IN DER EISTRUHE
Jedes Mal, wenn Gerlinde Kaltenbrunner einen neuen Achttausender besteigt wird spekuliert. Zum
Beispiel, ob sie die erste Frau sein wird, die alle vierzehn Achttausender schafft. Bisher sind sie
und die Italienerin Nives Meroi die einzigen Frauen, denen es gelang zehn zu besteigen. Bei der
Gratüberschreitung am Dirndl geht es nur um die Berge, die Lust zu leben und die Freiheit dort
oben. Im Vergleich zu ihrem Ehemann Ralf (Leiter vieler Expeditionen) schaut sie zweimal, ob die
Knoten gut sitzen. Ihre Spurarbeit im hüfthohen Tiefschnee einer Besteigung am Nanga Parbat,
brachte ihr von kasachischen Bergsteigern den Spitznamen „Cinderella Caterpillar“ ein. Auf 3.000
Metern Höhe am Dachsteinmassiv besiegt die Sonne die Wolken – die Luft ist schneidend klar.
Pure Reinheit. Am nordseitigen Grat steigt Ralf schnell und sicher bis zum nächsten Stand. Die
Route ist herrlich griffi g und ohne Steinschlaggefahr, der Wind eiskalt. Die Hände werden klamm.
An diesem Tag zeigt auch Cinderella Caterpillar Schwächen. Was macht Gerlinde auf ihren Expeditionen,
wenn ihr hier am Grat schon die Finger kalt werden? „Dort bist du anders ausgestattet und
vor allem vom Kopf her darauf eingestellt.“
GLÜCK OHNE WORTE
Eine Dreier-Kletterei ist für Profi s einfach zu meistern. Dennoch sind die beiden hochkonzentriert,
sprechen ruhig über die Route und fragen Harald und mich immer, ob alles passt. Karabiner klimpern,
Bandschlingen werden gelegt. Das alles geschieht nebenbei, zwischen Stand bauen und Seil
einholen. Blindes Verständnis, jede Hand erledigt blind ihre Aufgabe: Körper, Technik und Geräte
verschmelzen. „Auf Expeditionen redet Gerlinde nicht viel“, sagt Ralf. Auch am Dachstein ist sie die
ruhigste von allen. In den Bergen ist diese zierliche Frau eine andere als unten im Tal. Ihre Augen
strahlen vor Glück, auf ihrem Gesicht ruht Zufriedenheit, die Körpersprache ist völlig entspannt.
Unten im Tal ist sie ein kleinerer Mensch. Klein zwischen vielen. Die hektische Welt unten ist nicht
ihre Welt, auch wenn die „Unterwelt“ zum Profi bergsteigen dazugehört: Vorträge halten und Sponsoren
zufriedenstellen. Am Dirndlgrat wechselt die Tour auf die Sonnenseite. Die Route ist perfekt
abgesichert, „eine Bergführeroute mit vielen Bohrhaken“ wie Bergführer Herbert uns am Vorabend
versicherte. Er hat Recht behalten. In der Ferne schimmern die weißblauen Bergketten
Oben: Nach ihrem fünften Achttausender gab sie ihren Beruf als Krankenschwester auf.
Seitdem widmet sich Gerlinde Kaltenbrunner nur noch dem Profibergsteigen.
Bilderreihe Mitte: Der Übergang vom Hohen auf das Niedere Dirndl wurde vor 108 Jahren zum
ersten Mal geklettert. Die beste Zeit dafür ist von Juli bis in den Oktober.