Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE_APRIL_MAI_2008 | No. 2 | Deutsch - IndexFür einen sportlichen Hochgenuss, der eine Mischung aus Surfen, Skateboarden und
Motorradfahren ist. Zumindest könnte man Bassi Haller mit einem Motorradfahrer verwech-
seln, der seine schwere Maschine gegen ein verlängertes Skateboard getauscht hat und
sich einem Geschwindigkeitsrausch hingibt: Mit knapp 90 km/h freistehend auf einem Longboard
rast er die Landstraße Richtung Stuttgart herunter. Ein moderner Easy-Rider in Zeiten
des Klimawandels – ohne stinkende Auspuffgase, ohne störenden Lärm. „Longboarden ist
ein geiler Film“, sagt Bassi, als er seine rasante Abfahrt beendet
hat und von seinem Brett steigt. Der bekannteste und erfolg- nem Longboard bei Downhill-Rennen, die auf abgereichste
Longboarder in Deutschland weiß, wovon er spricht.
sperrten Straßen stattfinden. Strohballen garantieren
in Kurven die Sicherheit der Fahrer, die je nach
vor knapp vier Jahren stand er im Rampenlicht der Medien und Rennstrecke auf mehr als 100 km/h beschleunigen
Staatsgewalt: Auf der Straße von Aichelberg nach Beutelsbach können. Größere, weichere Rollen und ein verlän-
erwischte ihn die Polizei und drehte ein video wie von einem gerter Achsenabstand geben den XXL-Skateboards
Temposünder auf der Autobahn. Knapp zwei Minuten schlichen die nötige Ruhe und Stabilität. „Ich könnte jedes Mal
die Beamten mit ihrem Wagen hinter ihm her und zeichne- wieder schreien“, sagt Bassi, „wenn ich bei den Renten
alles auf – im Blickpunkt: seine Höchstgeschwindigkeit nen über den Asphalt ballere. Der Hammer. vollgas
(85,4 km/h) und sein für polizeiliche Maßstäbe nicht gerade ver- ohne lästigen Gegenverkehr. Und keine Polizei, die
kehrstaugliches Gefährt auf Rollen. Das kostete 60 Euro und einen filmt oder durch Hinterhöfe oder über Zäune
einen Punkt für Herrn Haller in Flensburg. Tatbestand: Fremd- jagt, wie es uns beim Training auf öffentlichen Stranutzung
öffentlicher Straßen. „Das ist das bislang erste und
einzige video von mir beim Downhillskaten“, sagt Haller und
ßen schon mal passiert.“
schmunzelt, „einen Fernsehauftritt bei Harald Schmidt hat es Training in den Straßen von Stuttgart. Seit zehn
mir auch noch eingebracht.“ Selbst in der Bild-Zeitung prangte Jahren veranstaltet das Down711-Team um Bassi
ein großes Bild von Bassi. Leider reichte der Rummel nicht aus, Haller, dem noch acht weitere lokale Brettstars wie
um seinen Sport aus dem Schattendasein zu reißen. Auch sein Eugen Forschner, Karin Feldbaum, Uta Hang, Matze
Titel als World-cup-champion der IGSA (Internationale Gravi- Lääng oder christof Haller (Bassis kleiner Bruder)
ty Sports Association) im Downhillskaten im selben Jahr (2004) angehören, jeden Donnerstag ein Longboardbrachte
nicht den großen Durchbruch. Im Gegenteil: „Damals Treffen. Mit dabei: junge Skateboarder, sportliche
war das Interesse an dem WM-Titel viel geringer. Das Polizeivi- Hausfrauen und 45-jährige Architekten. Das Interdeo
hat mehr Aufsehen erregt.“ Longboarden ist nun mal kein esse steigt. Stuttgart ist schließlich so etwas wie ein
typischer Trendsport auf den sich die Masse stürzen kann.
Longboard-Paradies, das nicht nur Einheimische
bewegt, sondern Brettfahrer aus aller Welt anzieht
Ein kurzer Blick zurück: In den 60er Jahren lassen die Surfer und begeistert. Denn um das Zentrum ziehen sich
an der Küste Kaliforniens die Welle auf die Straße überschwap- viele kleine Berge sich wie ein Kessel. „Das ist wie
pen. Es entsteht in Pools und Parks das wohl allerseits bekannte bei einem Skigebiet“, meint Bassi. „Wir starten mei-
Skateboarden und das eher unbekannte „Sidewalk Surfing“ - stens am Hauptbahnhof, setzen uns mit unseren
aus dem das Longboarden entsteht. Dabei kommt es nicht so Brettern in eine Straßenbahn oder einen Bus, fahren
sehr auf Tricks und Sprünge an wie beim Skateboarden, son- auf einen der Hügel und rasen wieder runter in die
dern mehr auf das Gefühl, sich in harmonischen Bewegungen Stadt.“ Lederkombi und Helm sind Pflicht, der Rest
von der Geschwindigkeit über den Asphalt tragen zu lassen. bleibt jedem selbst überlassen. Bassi hat bereits
Asphalt, der sich in Form einer Straße über Berge, durch Täler ein paar üble Unfälle miterlebt: „Aber die waren nur
oder Städte zieht. Der die Herzen von Longboardern zum Rasen übel, weil die Leute ohne Helm gefahren sind.“ Blaue
bringt - wie das von Bassi Haller vor elf Jahren. Damals rast Flecken und Schürfwunden jedoch gehören zum
er noch mit Rollschuhen herum. Ehe er sich seine Rollschuhachsen
unter ein Brett schraubt und zunächst im Sitzen durch
Longboarden dazu.
die Straßen von Stuttgart saust. Später entscheidet er sich für Bleibt nur ein bitterer Beigeschmack: Im Gegensatz
die stehende variante, Stand-Up genannt, ine von drei weiteren zu Frankreich oder der Schweiz fehlen in Deutsch-
Disziplinen beim Downhillskaten: classic-Style, Buttboard und land Strukturen und verbände. Das erschwert ei-
Streetluge. Hier liegen die Rennfahrer auf dem Rücken, die niges und schreckt auch Sponsoren ab. Ein großer
Unterschiede ergeben sich in der Bauweise der Bretter in den Produzent schwarzer Limonade hat dem Worldcup-
einzelnen Disziplinen. „Es gibt auch Slalomrennen“, sagt Bassi, champion im vergangenen Jahr eine Absage er-
„aber das ist nicht so mein Ding.“ Seit 2002 startet er mit sei-teilt.
So konnte er nur die Hälfte der Weltcup-Rennen
bestreiten. „Sonst hätten wir kein Geld für die
Windeln unserer Kinder gehabt“, grinst Bassi, stol-
zer vater von Amelie (3,5 Jahre) und Leni (2,5), „und
meine Frau hätte mich nicht mehr mit dem Auto zu
meinen Downhill-Strecken rund um
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