Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE_APRIL_MAI_2008 | No. 2 | Deutsch - Index46 | PoRtRät
seines weißen Ford Taunus und fuhr damit von Weltcup zu Weltcup. So vergehen die Jahre. Es läuft
sehr gut für Xandi. Er fliegt und surft durch die Welt, feiert Erfolge beim Weltcup, steht als Model vor
der Kamera und genießt das endlose Rauschen der Wellen. ohne dabei jedoch sein Zuhause am
Rande von München in Waldperlach zu vergessen. „Für meinen vater war das gar nicht so einfach“,
meint Xandi. „Er wollte immer, dass ich seine Schreinerei übernehme. Aber jetzt ist er doch ganz froh
und stolz, dass ich meinen eigenen Weg gegangen bin.“
Ein Weg, der nicht nur aus Sonnenschein und Surfen besteht. 1988, Xandi ist 26 Jahre alt, legt er wäh-
rend der Windsurfsaison wieder einmal einen kurzen Stopp in Waldperlach bei seinen Eltern Ingrid
und Franz ein. Zusammen mit alten Freunden fährt er für einen Tag in die Berge zum Snowboarden.
„Damals war Snowboarden noch ganz jung“, sagt Kreuzeder. „Wir haben uns einfach mit unseren
normalen Bergschuhen aufs Brett geschnallt und sind durch den Schnee geschossen. Und plötzlich
hat es mir den Haxen umgedreht.“ Diagnose: Waden- und Schienbeinbruch, außerdem das Sprunggelenk
am linken Fuß gesplittert, samt Bänderriss. Aua! Das bedeutet mindestens sechs Monate Pause.
Was nun, Herr Kreuzeder? Faul herumliegen und warten, bis er wieder mit dem Surfbrett durchs
Meer segeln kann, will er nicht. Weiter als Boardshaper an der Entwicklung der Bretter arbeiten und
für den Rest seines Lebens giftige Harze einatmen will er ebenso wenig. „Das war ein wichtiger
Moment in meinem Leben. Ich musste mir darüber klar werden, was ich eigentlich will. Wie meine Zukunft
überhaupt ausschaut.“ Und da er in den Jahren zuvor bereits mit der Fotokamera durch die Welt
zog und für Surfmagazine Bilder schoss und Berichte schrieb, entscheidet sich Xandi schließlich für
die Fotografie. Er geht für ein Jahr in München auf eine private Fotoschule. Ein Jahr braucht er auch,
um seine schwere verletzung voll auszukurieren. Doch an ein
comeback denkt er nicht. Er verfolgt den Worldcup mit seiner
Kamera und kann so alles bestens verbinden – Surfen, Freunde,
Fotografie und Reisen. Langsam werden auch immer mehr Surffirmen
auf Xandis neue Leidenschaft aufmerksam, engagieren ihn für
Fotoshootings. Auch die Snowboard-Industrie legt
besonderen Wert auf seine Arbeiten. Seine Fotokünste
werden immer gefragter und bekannter.
Sportgrößen wie die lebende Surflegende
Robby Naish, Formel-1-Superstar Michael
Schumacher oder Freeski-Punker
Glen Plake posieren vor seiner Linse.
Der absolute Superstar aber legt sich 1991 nackt
vor seine Kamera – und zwar Melvin Kreuzeder, sein
Sohn, den seine Frau yvonne in München zur Welt
bringt. 2002 erblickt dann Saimi, seine Tochter, die
Kamera ihres Papas. So wird aus dem Einzelkämpfer
langsam aber sicher ein Familienvater. „Familie und
Kinder, das war immer schon mein Wunsch. Auch
wenn yvonne das Meiste macht, gerade die alltäglichen
Dinge mit Kindergarten und Schule“, betont
Xandi, der bis zu vier Monate im Jahr für Fotoshootings,
Kunstprojekte oder Expeditionen unterwegs ist.
„Im Winter bin ich fast nur auf Tour. Aber ich habe zum
Glück eine sehr verständnisvolle Frau. Und wenn ich
von den Foto shootings wieder zurück bin, gehöre ich
voll und ganz meinen Kindern. Dann toben wir durch
den Wald oder fahren mit den Rädern rüber zum
Starnberger See.“ Melvin hat gerade in Marokko seinen
Surflehrerschein gemacht, und Saimi hilft ihrem
vater, wo sie nur kann, wenn es um seine Kunst geht.
„Letztens hat sie mir ganz stolz einen platt gefahrenen
Frosch gebracht. Der sah wirklich übel aus. Über seinen
Rücken zog sich noch das Reifenmuster von dem
Auto. Ein super Ausstellungsstück – hätte er nicht so
stark gestunken.“
So hat der Frosch keinen Platz in dem alten Bauwagen
gefunden, der hinten im Garten steht und den
Xandi zu einer kleinen Galerie umfunktioniert hat.
Hier stehen bizarre Skulpturen aus Strandgut, an den
dünnen Holzwänden kleben bekannte Fotostrecken
von ihm, wie die von den Händlerkarawanen in Tibet.
Draußen am Wagen hängen alte, zerbrochene Skateboarddecks,
an denen ein kalter, fieser Wind nagt.
Xandi läuft zurück ins Haus.
Das Haus, in dem
Familie Kreuzeder
wohnt, hat Xandi zusammen
mit einem Freund gebaut. Ein
Holzhaus, mit kleinen Trep-
pen und großen Fenstern,
vier Kilometer vom Starnberger See
entfernt. In Farchach. Das kleine Dorf
ist umringt von Wäldern, Bauernhöfen und kleinen
Landstraßen – ein Paradies für Kinder. Und für Xandi.
„Die Natur ist für mich der größte Künstler“, sagt er und
gießt eine Kanne Kräutertee auf. „Mit Honig, gegen die
Kälte da draußen.“ Da draußen versteckt sich im angrenzenden
Wald die Werkstatt von Xandi Kreuzeder.
Da bastelt, sägt und schraubt er herum und lässt sich
von der Ruhe inspirieren. Die wilden Zeiten sind für ihn
vorbei. „Ich habe keine Lust mehr, ständig im Flieger
zu sitzen und durch die Welt zu rasen. Denn das größte
Problem ist für mich die Zeit. Eigentlich bräuchte ich
für meine Familie, meine Fotografie, Kunst und meinen
Sport jeweils ein Leben“, meint Xandi. „Diese wunder-
baren Dinge lassen sich oft nur sehr schwer vereinba-
ren. Aber ich arbeite daran, eine immer bessere Balan-
ce und Harmonie zu finden.“ vielleicht hilft ihm ja der
Admiral dabei.