Ski Press World Inc. - IndexSki Press World Inc. - SPORTPRESSE_APRIL_MAI_2008 | No. 2 | Deutsch - IndexEin Admiral steht in einem Büro. In dem Büro von Xandi Kreuzeder. Einfach so, völlig unvermittelt.
Auf seiner Brust leuchten verdienstvolle Abzeichen aus Gold und Silber. Ein schwerer, schwarzer
Eisenhelm bedeckt sein Haupt. Dazu trägt er eine weiße Uniform. Seine Brust ist stolz geschwellt,
sein Kreuz kerzengerade, sein Blick finster. Nur sein Mund ist leicht geöffnet – bereit zum verbalen
Gefecht. Xandi guckt ihn an – und lacht plötzlich los. oh! Jetzt gibt es bestimmt ein militärisches
Donnerwetter. Nein. Der Admiral bleibt stumm und steif stehen. Was anderes kann er auch nicht.
Denn er ist nichts weiter als ein Haufen Müll. Müll aus dem Meer, den die Wellen an die Strände spülen,
und aus dem Xandi Kreuzeder (46) bizarre Skulpturen formt. Aber wie kommt einer der besten
deutschen Sportfotografen auf so eine Idee? Ganz einfach: Snowboarder und Surfer, Bergsteiger
und Formel-1-Piloten, Topmodels und Topstars sind nun mal nicht alles. Schon gar nicht, wenn man
Xandi Kreuzeder heißt.
„Mein Leben besteht nicht nur aus Sport und Fotografie“, sagt Xandi. „Ich habe
so viele Ideen in meinem Kopf, ich weiß gar nicht, wie ich die alle realisieren
soll. Und es kommen immer neue dazu.“ So wie bei einem Surftrip vor sechs
Jahren auf den Azoren. Da sucht Xandi zusammen mit zwei Freunden, João
Parrinha aus Lissabon und Luis de Dios aus Fuerteventura, in entlegenen Winkeln
der Insel nach unentdeckten Surfparadiesen. Die finden sie auch. Doch
daneben stoßen sie auf Unmengen von Strandgut: uralte, in Taue gewickelte
chinesische Glasbojen, Knochen von Walen und Ziegen, Schiffswrackteile aus
Holz und Metall, verrostete Schrauben und Dosen, Fischerbojen, Autoteile, Gerippe
von Fischen und Krustentieren, durch Öl verendete vögel, Porzellan, abgebrochene Surfbretter
und riesige Bohrinselbojen. „Daraus müssen wir was machen“, dachten sich die drei. Im
Laufe der Jahre bauten und kreierten Xandi und seine Freunde dann aus dem Müll fabelhafte
Wesen – wie eben den Admiral. „Es war ein riesiger Aufwand, das Strandgut zu bergen und in
das Atelier von Luis zu bringen. Aber es war für uns alle auch erschreckend, auf diesem Weg
zu sehen, was der Mensch alles im Meer versenkt, und welche tödliche Gefahr von ihm ausgeht“,
meint Xandi und ergänzt: „Das spiegeln unsere Skulpturen auch wider.“ Während der
internationalen Sportmesse Ende Januar in München wurden die Kunstwerke von „Skeleton3“ –
so nennen sich Xandi, João und Luis (www.skeleton3.wordpress.com) – erstmals öffentlich präsen-
tiert. Weitere Ausstellungen in Barcelona, Teneriffa und Lissabon sollen im Sommer folgen.
Zurück nach München. Da folgt vor 30 Jahren ein Junge mit wuscheligen, blonden Haaren
dem Ruf der großen, weiten Welt. Xandi ist damals 16 Jahre alt, besteht mit Hängen und Würgen
die abschließenden Schulprüfungen und packt daraufhin sofort seine Koffer. „Ich hatte in
den Sommerferien auf Malta Sigi Hoffmann kennengelern – einen der ersten Wíndsurfpioniere in
Europa“, erinnert er sich. „Und der hatte mir angeboten, wenn ich mit der Schule fertig bin, könnte
ich bei ihm am Gardasee eine Ausbildung zum Windsurflehrer und Boardshaper anfangen.“ vier
�liNKS: Packesel auf vier rädern, Xandi und sein damaliger „campbus“ – ein alter Ford taunus.
�rechtS: der Stil der 80er jahre ging auch an Surfprofi Xandi Kreuzeder nicht spurlos vorüber.
PoRtRät | 45
Jahre lebt und surft Xandi am Gardasee, verlegt so-
gar seinen Wohnsitz von München nach Torbole. „Das
hatte natürlich nicht nur sportliche Gründe“, gibt er zu.
„So habe ich mir den Wehrdienst und viel Stress erspart.“
In den Wintermonaten nimmt ihn Sigi Hoffmann
mit nach Hawaii und auf die Kanaren. Mit 18 Jahren
reitet Xandi bereits die Wellenberge an der North Shore
ab und startet kurz darauf in Maui bei einem Windsurfcontest.
„Ich teilte mir damals ein kleines Zimmer mit
Mike Eskimo, einem Österreicher, der im Winter wie
im Sommer mit einer Bärenfelljacke von seiner oma
herumlief, und der wie ich nur Windsurfen im Kopf
hatte“, erzählt Kreuzeder. „Wir haben uns drei Monate
lang nur von Reis, Peanut-Butter und den Früchten aus
den Nachbargärten ernährt. Mike lebt heute noch auf
Hawaii.“ Xandi startet schließlich für
die Worldtour, die ihn quer über den
Globus führt; Karibik, Australien,
Japan, Portugal, Holland, Belgien
und Frankreich stehen auf dem Programm.
„Eine sehr turbulente und
wilde Zeit“, meint Kreuzeder und
betont: „Wir mussten damals alles
selbst organisieren und finanzieren.
Flug, Hotel und vor allem den Transport.
Das war das größte Problem.“ Denn neben einem
kleinen Koffer mit ein paar T-Shirts und Badeshorts
mussten in dem Flieger auch noch drei riesige Surfbretter
verstaut werden, die jeweils über 3,50 Meter
lang und bis zu 30 Kilogramm schwer waren. Dazu
noch sechs Segel, fünf Masten und vier Gabelbäume.
„Ich habe vor den Abflügen immer eine Flasche Sekt
gekauft und bin damit zu einer netten Stewardess
gelaufen“, erzählt Xandi und schmunzelt: „Dann habe
ich ihr den Sunnyboy vorgespielt, der als Windsurfprofi
die Welt umsegelt und leider keinen Pfennig mehr für
das Übergepäck hat. Was ja auch stimmte. Das hat
meistens geklappt.“
Mittlerweile haben wir den Admiral und das Büro von
Xandi Kreuzeder verlassen und sitzen unten in der
Küche. Xandis Frau yvonne bereitet das Essen vor,
schneidet rote und gelbe Paprika auf und wirft ihrem
Mann das Stichwort „Bali“ zu. Xandi schüttelt nur mit
dem Kopf und grinst: „Das war im November 1985,
eine verrückte Reise. Da habe ich dich drei Stunden
im Regen stehen lassen.“ yvonne lacht: „Ich weiß,
das brauchst du mir nicht erzählen.“ Xandi fährt fort:
„Wir kamen aus dem eisigen München und landeten in
einem Dampfbad namens Bali – 35 Grad heiß und strömender
Regen. Das war schon mal ein Schock. Und als
wir mit unseren Koffern und Brettern aus dem Flughafengebäude
traten, ergriffen die Bimo-Fahrer mit ihren
Dreirädern die Flucht. Keiner wollte uns mit nehmen –
was ich allerdings auch verstehen konnte. Es dauerte
schließlich drei Stunden, bis ich einen Bus organisiert
hatte, der uns und unser Gepäck ins Zentrum brachte.“
In Europa war der Transport dagegen relativ einfach. Da
schnallte Xandi seine Ausrüstung auf das Dach